Darius fuhr auf, öffnete den Mund, um zu schreien, brachte vor Aufregung keinen Ton heraus.
„Sind Sie da unten?“
„Oui! Au secours! Hilfe!“ Jetzt brüllte Darius, was seine Lungen hergaben, und seine Gedanken galoppierten schneller als sein Lieblingstekkiner in der Toskana. Vielleicht gab es einen Gott, der ihn errettet hatte, ihn, einen Kerl, der sich im Himmel bestimmt nicht viel Freunde geschaffen hatte! Darius lachte und weinte zugleich. „Hier! Ich bin hier unten! Holen Sie mich raus!“
Er hörte Geräusche oben, dann erschien ein Kopf, doch Darius konnte kein Gesicht erkennen, denn er schaute in einen taghellen Himmel hinauf, dass ihm die Augen getränt hätten, wenn sie nicht schon ohnedies voll Wasser gewesen wären.
„Darius Thanner?“, fragte die körperlose Stimme, überrascht und ungläubig.
Ein Suchtrupp!, schoss es Darius durch den Kopf. Die haben nach mir gesucht, die haben todsicher alles dabei, Seile und so! In ein paar Minuten bin ich draußen, und heute Abend sitz ich im Blauen Hai und schütte mich zu wie nie zuvor!
„Darius Thanner?!“ Die Stimme wurde ungeduldig, wütend fast, weil er versäumt hatte zu antworten.
„Ja, der bin ich! Machen Sie rasch! Holen Sie mich rauf!“
„Sind Sie verletzt?“
Der soll nicht so viel quatschen, dachte Darius, und jetzt war er es, in dem sich vehement der Zorn meldete. „Mein Fuß tut weh, aber das ist scheißegal! Lassen Sie einfach ein Seil runter, ich komm schon irgendwie rauf!“
Der Kopf verschwand. Darius meinte, oben Schritte zu hören. Na, dem Himmel sei Dank, hatte der Idiot endlich kapiert, dass er ihn erst raufholen und dann interviewen konnte! Darius vermochte kaum noch zu stehen, hielt sich an einem dünnen Stalagmiten fest. Er merkte, dass er vor Ungeduld am ganzen Körper zitterte. Wie lang, zum Teufel, brauchte der Kerl, um seine Mannschaft zusammenzutrommeln und das Seil abzurollen?! Darius beschäftigte sich damit, sich auszumalen, was er abends beim Squale Bleu alles bestellen würde. Als Vorspeise Salat mit warmem Ziegenkäse, eine Riesenschüssel voll! Dann panierte Tintenfischringe, triefend fett. Und völlig prosaische Pommes, so salzig wie möglich. Salz hatte er bei seiner Müsliriegel-Diät vermisst. Leichte Schuldgefühle überfielen ihn, als ihm klar wurde, dass sich seine Gedanken aufs Essen stürzten; sollte seine Sehnsucht nicht in erster Linie Claudia gelten, und Ken, statt Käse und Calamari?
Teufel, wo blieb der Kerl?! „Hey!“ Darius brüllte hinauf, froh, wieder auf menschliche Antwort hoffen zu können statt auf eine Kakophonie höhnischer Echos von unbarmherzigen Wänden. „Hey, wo bleiben Sie? Ich hab lang genug im Loch gesteckt!“
Im nächsten Moment war der Kopf wieder da. „Je suis navré. Es tut mir Leid.“ Warum klang die Stimme fast hämisch, oder bildete Darius sich das ein? „Aber ich fürchte, Sie werden es noch eine Weile in Ihrem Höhlenhotel aushalten müssen!“
Was sollte das heißen?! „Was meinen Sie?“ Eine Woge von Panik schwappte über Darius. Gleich darauf beruhigte er sich. Vermutlich hatte der Typ kein Seil und nichts dabei, war so ein trotteliger Naturfreak auf Botanisier-Wanderung, ohne Handy, der erst bis zum nächstgelegenen Ort latschen musste, um kompetente Hilfe aufzutreiben. „Können Sie mir wenigstens was zu Essen runterwerfen, bis Sie eine Rettungsmannschaft verständigt haben?“
Eigenartigerweise antwortete der andere nicht sofort, und als er es endlich tat, schien seine Auskunft reichlich kryptisch: „Ich könnte es – unter gewissen Umständen!“
„Mann, seien Sie nicht umständlich! Ich bin am Verhungern!“
„Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“
„Wieso? Wollen Sie eine Verkehrskontrolle durchführen?!“ Von Minute zu Minute kochte Darius‘ Wut höher. Was sollte der Scheiß?! Wollte der Typ ihn verarschen?!
„Ihren Ausweis gegen eine anständige Mahlzeit!“
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